Hygienenotstand Pflegeheim: Alte Menschen sind besonders betroffen

Auch in der Altenpflege sterben Menschen an Hygienemängeln und multiresistenten Keimen. Viele Verhaltensweisen und Routinen haben sich seit Jahrzehnten etabliert und gefährden die Leben der Bewohner.

Schlampig angelegte Verbände und Kanülen, Menschen, die stundenlang in ihren Exkrementen liegen, Ungeziefer, schmutzige Betten. Immer wieder tauchen solche Bilder aus Pflegeheimen in den Medien auf. Nicht nur in deutschen Krankenhäusern, auch in der Altenpflege sterben Menschen an Hygienemängeln. Reinigungs- und Hygienemaßnahmen werden vielerorts nicht korrekt angewandt.





– Neben schlechten Arbeitsbedingungen liegt das auch an mangelndem Bewusstsein für die Gefahren und Unkenntnis über den richtigen Umgang mit riskanten Erregern: Viele heute todbringende Verhaltensweisen und Routinen haben sich seit Jahrzehnten eingeschliffen und gefährden jetzt – in Zeiten multiresistenter Keime und gefährlicher Darmviren die Leben der Heimbewohner.

Mulitresistente Keime: Vielerorts wird das Problem totgeschwiegen

Dorothee Schmidt ist staatlich anerkannte Hygienefachkraft. Sie schult Pflegekräfte, und probt mit ihnen den Ernstfall. Wie hier im Stuttgarter Altenburgheim: Das Szenario: Ein Bewohner hat sich infiziert – mit einem multiresistenten Keim. Mit den Pflegekräften übt Dorothee Schmidt was in diesem Fall zu tun ist: Das Anlegen der Schutzanzüge, Handschuhe, Mundschutz und Kopfhaube.

Regelmäßig kommt sie dazu ins Haus. Das Altenburgheim ist ein Positivbeispiel. Nicht überall nimmt man Hygiene so ernst. Gerade das Problem multiresistente Keime wird oft totgeschwiegen. „Es gibt immer wieder multiresistente Erreger in Pflegeheimen, doch niemand weiß so genau, wie groß das Problem ist“, beschreibt Dorothee Schmidt das Problem.





„Denn wir haben hier im Gegensatz zu den Kliniken keine Erfassungspflicht und wir bräuchten diese Erfassungspflicht ganz dringend.“ Denn nur Information und Fachwissen können Bewohner und Mitarbeiter vor Keimen schützen. Doch daran hapert es oft. Nur wenige Häuser schulen ihre Pflegekräfte so gründlich wie das Altenburgheim.

Routine als Hygienekiller

Dorothee Schmidt macht das Sorgen, nicht nur im Kampf gegen multiresistente Keime: „Die größere Problematik sehe ich darin, dass Hygienemaßnahmen in der Routine, also Routinevorgänge nicht konsequent umgesetzt werden. Also aus Gewohnheit noch nicht ganz entsprechend den Richtlinien durchgeführt werden.“ Viele Heime versagen schon bei der alltäglichen Hygiene.

Mit fatalen gesundheitlichen Folgen – gerade für infektanfällige, ältere Menschen. Bei Claus Fussek melden sich täglich Menschen, die über solche Missstände klagen, die es – laut Richtlinie – eigentlich gar nicht geben dürfte. Ihre Zuschriften stapeln sich in seinem Büro, denn der Pflegeexperte ist einer der wenigen, der die hygienischen Zustände in Heimen seit Jahren anprangert: „Es werden die Hände nicht gewaschen, geschweige desinfiziert, es werden die Handschuhe nicht gewechselt, man geht von Zimmer zu Zimmer.

Die haben die Windeln in der Hand und haben dann schon das Essenstablett angefasst oder verabreichen die Medikamente“, zitiert Claus Fussek aus der langen Liste alltäglicher Hygienefehler. „Und mit dem Putzlappen, mit dem vorher der Boden geputzt wurde, wird der Tisch sauber gemacht. Das sind die elementarsten Dinge und die werden nicht eingehalten.“

Die Beschwerden füllen Wände voller Ordner

In Fusseks Büro füllen diese Beschwerden von Pflegekräften und Angehörigen der Heimbewohner inzwischen viele Ordner. An die Heimaufsicht wendet sich selten jemand. Angehörige befürchten Probleme für ihre Verwandten, Pfleger haben Angst vor beruflichen Folgen. Auch Pflegefachkraft Eva Ohlert hat sich an Claus Fussek gewandt. Aus der eigenen Arbeit kennt sie sowohl die Folgen, als auch die Ursachen des Problems:





„Große Mängel entstehen wirklich durch zu hohen Zeitdruck, hier sitzt einer, der nächste klingelt, das ist wie ne Fließband-Pflege. Es ist manchmal so, dass drei oder vier Personen auf einmal versorgt werden und das ist nicht so, dass man sich dann ständig die Handschuhe wechselt oder die Hände desinfiziert.“

Zeitdruck, Überlastung, fehlendes Wissen – Eva Ohlert will da nicht mehr mitmachen. Doch mit Verbesserungsvorschlägen stieß sie bei Kollegen und Vorgesetzten bisher auf taube Ohren: „Wenn ich Hygiene anders praktizieren will brauch´ ich Zeit und dann heißt es Warum bist du denn so langsam? Ich hab’s auch selber erfahren dass ich gemobbt worden bin, wenn ich so arbeiten wollte, wie ich’s gelernt habe. Und ob das Menschenleben kostet oder nicht, interessiert da niemanden mehr.“

Doch wie lässt sich korrekte Hygiene in der Praxis durchsetzen? Ist es wirklich so schwierig sie einzuhalten – beispielsweise bei einem Ausbruch von Noroviren? Dorothee Schmidt schult – genau für solche Fälle – die elementarsten Handgriffe. Sprachbarrieren machen ihren Job nicht einfacher. Doch von der Putzfrau bis zum Heimleiter müssen alle verstehen worum es geht. Das ist ihr wichtig. Denn die Maßnahmen greifen nur, wenn sich alle gemeinsam kontinuierlich darum kümmern.

Auch Heimleiter Claus Krafzcyk vom Altenburgheim des Wohlfahrtswerk Baden-Württemberg weiß, dass es nur so funktioniert. Zusammen mit seiner gesamten Belegschaft arbeitet er daran, dass sich hier alle so gewissenhaft wie möglich auf den Ernstfall vorbereiten:

„Der oft beklagte Stress kommt zum Teil auch daher, wenn man nur situativ reagiert, wenn man nicht eine dauerhafte Beschäftigung mit dem Thema hat. Und der Vorteil bei uns ist, die Mitarbeiter werden durch die dauerhafte Schulung ständig mit dem Thema in Kontakt gebracht, wissen sofort was zu tun ist, fangen also nicht bei null an.“

Vom Heimleiter bis zur Putzfrau: Alle müssen Verantwortung übernehmen

Routine schafft Zeit, zum Beispiel für die lebenswichtige Desinfektion der Hände, wie Hygienefachkraft Dorothee Schmidt erklärt: „Ich kann zum Beispiel unheimlich gut die Zeit nutzen, wenn ich das Bewohnerzimmer betrete, mir dann schon an der Tür die Hände desinfizieren und diese 30 Sekunden für ein Gespräch mit dem Bewohner nutze.“ Solche Abläufe immer wieder zu üben, spart Zeit – und kann Leben retten.

Die meisten Heimbewohner sind schon aufgrund ihres Alters infektanfällig. 30 Sekunden Hände desinfizieren ist Pflicht, nur so schützt man die Bewohner vor Infekten.





Doch bei aller Sorgfalt: Zuviel Hygiene nimmt den Bewohnern auch Lebensqualität. Hygiene nur dort, wo sie wirklich nötig ist – auch das vermittelt Dorothee Schmidt ihren Schülern. Besonders wenn sie die Reinigungskräfte schult: „Die Schwierigkeit an sich liegt darin, dass die Mitarbeiter von einem normalen Zimmer in ein infektiöses Zimmer- also mit einem Bewohner mit einer infektiösen Erkrankung sehr schnell umschalten müssen.“

Lappen für bestimmte Orte

Sind Noroviren, Salmonellen oder anderen Erreger ausgebrochen, müssen die normalen Putzmittel mit Desinfektionsmitteln getauscht werden. Gerade wo Kranke und Gesunde Tür an Tür wohnen, hat jedes Zimmer immer eigene, frische Lappen in drei Farben. Rot zum Beispiel nur für die Toilette. Nur so lässt sich verhindern, dass Keime durchs ganze Haus wandern. Dabei spielt die Heimleitung eine Schlüsselrolle. Sie muss die Voraussetzungen für die Einhaltung der Hygienemaßnahmen schaffen.

Für Pflegeexperten Claus Fussek ist klar: „Um dieses Thema in den Griff zu bekommen müssen alle Verantwortung übernehmen, von der Heimleitung bis zum Hausmeister, der Koch, die Reinigungskräfte, die Pflegekräfte, die Ärzte und die Angehörigen.

Alle müssen informiert, müssen geschult sein, müssen mitarbeiten, zusammenarbeiten.“ Neben Schulungen für alle Mitarbeiter wünscht er sich zusätzlich Hygienebeauftragte in jeder Pflegeeinrichtungen, Screenings wie sie in Holland längst üblich sind und eine Meldepflicht, die Transparenz schafft.